Baisingen Friedhof 154.jpg (62551 Byte)  Segnende Hände der Kohanim auf einem Grabstein in Baisingen


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Sandhausen (Rhein-Neckar-Kreis) 
Jüdische Geschichte / Betsaal/Synagoge 

Übersicht:

bulletZur Geschichte der jüdischen Gemeinde  
bulletBerichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde   
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer   
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde 
Kennkarten aus der NS-Zeit    
bulletZur Geschichte der Synagoge   
bulletFotos / Darstellungen 
bulletErinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte   
bulletLinks und Literatur   

     

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde (english version)      
    
In dem bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts zur Kurpfalz gehörenden Sandhausen bestand eine jüdische Gemeinde bis 1938. Ihre Entstehung geht in die Zeit des 18. Jahrhundert zurück. Erstmals wird 1743 ein Jude namens Lazarus genannt. 1765 lebten vier jüdische Familien in Sandhausen, 1802 drei. 
  
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Zahl der jüdischen Einwohner wie folgt: 1825 34 jüdische Einwohner (3,3 % von insgesamt 1.034 Einwohnern), 1875 100 (3,9 % von 2.583), Höchstzahl um 1871 mit 104 Personen. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts verzogen viele Familien nach Heidelberg, sodass 1900 nur noch 42 (1,3 % von 3.184), 1910 30 jüdische Einwohner (0,8 % von 3.838) gezählt wurden. 
  
An Einrichtungen hatte die jüdische Gemeinde eine Synagoge (s.u.), eine Religionsschule und ein rituelles Bad (bis Mitte des 19. Jahrhunderts; das Badhäuschen stand auf einer tief- und abseitsgelegenen Wiese; der genaue Standort lässt sich nicht mehr ausmachen - es war bereits 1870 in baulich schlechtem Zustand). Die Schule war seit 1845 im Gebäude der ersten Synagoge in der Bahnhofstraße (siehe unten).  vermutlich blieb auch nach der Einrichtung der neuen Synagoge das Schulzimmer im alten Synagogengebäude, da dieses zum Wohnhaus des Lehrers/Vorsängers umgebaut wurde. Zur Besorgung religiöser Aufgaben der Gemeinde war ein Religionslehrer angestellt, der zugleich als Vorbeter und Schochet tätig war (siehe Ausschreibungen der Stelle unten). Erstmals wird 1823 ein Religionslehrer der jüdischen Kinder genannt. Die Toten der Gemeinde wurden im jüdischen Friedhof in Wiesloch beigesetzt. 1827 wurde die Gemeinde dem Rabbinatsbezirk Heidelberg zugeteilt. 
   
Die jüdischen Familien verdienten ihr Einkommen bis um 1850 vor allem als Vieh- und Landesproduktenhändler. Als Wein-, Hopfen- und Tabakhändler sowie als Inhaber oder Teilhaber von Zigarrenfabriken hatten sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an der wirtschaftlichen Entwicklung des Ortes maßgebenden Anteil. 
  
1933 gab es an Handels- und Gewerbebetrieben im Besitz jüdischer Familien / Personen: Viehhandlung Max Freund I (Hauptstraße 119), Wein-, Hopfen- und Tabakhandlung Kaufmann Freund (Hauptstraße 141), Viehhandlung Max Freund II und Textilvertretung Heinrich Freund (Bahnhofstraße 2, abgebrochen), Gasthaus "Pfälzer Hof", Inh. Fam. Marx (Hauptstraße 96), Zigarrenfabrik Fam. Marx (Schulstraße 15, Vereinshaus), Zigarrenfabrik Gebr. Mayer (Hauptstraße 92, abgebrochen), Viehhandlung Julius Wahl (Hauptstraße 108, abgebrochen).  
   
1933 lebten noch 18 jüdische Personen in Sandhausen (0,3 % von 4.831 Einwohnern). In den folgenden Jahren ist ein Teil der jüdischen Gemeindeglieder auf Grund der Folgen des wirtschaftlichen Boykotts, der zunehmenden Entrechtung und der Repressalien weggezogen beziehungsweise ausgewandert. Beim Novemberpogrom 1938 kam es zu gewaltsamen Ausschreitungen gegen die nur noch wenigen jüdischen Familien am Ort durch SA-Männer aus Heidelberg. Die jüdischen Wohnung wurden demoliert, drei jüdische Männer in das KZ Dachau eingeliefert. Die letzten sieben jüdischen Einwohner wurden am 22. Oktober 1940 in das KZ Gurs in Südfrankreich deportiert.     
    
Von den in Sandhausen geborenen und/oder längere Zeit am Ort wohnhaften jüdischen Personen sind in der NS-Zeit umgekommen (Angaben nach den Listen von Yad Vashem, Jerusalem und den Angaben des "Gedenkbuches - Opfer der Verfolgung der Juden unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland 1933-1945"): Emma Freund geb. Geismar (1868), Kaufmann Freund (1865), Bertha Hecht geb. Marx (1867), Berta Kahnheimer geb. Marob (1890), Friederike Kaufmann geb. Marx (1877), Emilie Löwenstein geb. Heumann (1882), Ida Marx (1888), Isaac Marx (1867), Moritz Marx (1865), Sara Marx (1875), Herta Wahl geb. Gümbel (1902), Julius Wahl (1880), Ludwig Wahl (1907), Mina Wahl geb. Lorsch (1873), Max Wünsch (1900).  
   
   
 Unter den acht Ehrenbürgern Sandhausen sind drei jüdische Personen (vgl. http://www.sandhausen.de/index.php?id=15): 

bullet die Zigarrenfabrikanten Lehmann Mayer und Max Mayer (Ehrenbürger seit Januar 1863; nachstehende Angaben auf Grund der Auskünfte des Stadtarchives Mannheim über Wilfried Hager vom 26.9.2016):
- Rudolph Lehmann Mayer (geb. 26. September 1809 in Mannheim als Sohn des Kaufmanns Hayum Gottschalk Mayer und der Rebekka geb. Ladenburg, gest. 13. November 1884 in Mannheim), eingetragen als Kaufmann, dann als Fabrikant; war seit dem 17. August 1845 in Hannover verheiratet mit Louise geb. Cohen (geb. 10. März 1819 in Hannover); die beiden hatten drei Kinder: Wilhelmine Eugenie Mayer (geb. 31. Oktober 1846 in Mannheim, verheiratet mit Philipp Rudolf Goldschmidt), Georg Ludwig Mayer (geb. 1. Oktober 1844 in Mannheim), Ferdinand August Mayer (geb. 25. August 1850 in Mannheim, gest. 15. Februar 1872 in Mannheim). 
- Max Mayer (geb. 13. Februar 1818 in Mannheim, gest. 14. Juni 1871 in Mannheim), zunächst "Handelsmann zu Mannheim", war seit dem 28. Juni 1846 in Rödelheim verheiratet mit Pauline geb. Mendes (geb. 14. September 1822); die beiden hatten drei Kinder: Gustav Edmund Mayer (geb. 3. Juni 1847 in Mannheim, gest. 9. August 1849 in Mannheim), Emil Max Mayer (geb. 24. Oktober 1848 in Mannheim, später Zigarrenfabrikant); Elise Mina Mayer (geb. 30. März 1850 in Mannheim; war verheiratet mit dem Bankier Gustav Ladenburg siehe Hohenemsgenealogie).      
bullet Alexander Kann (Ehrenbürger seit 1918; geb. 21. Dezember 1865 in Oberzell), war um 1885 Lehrer in Sandhausen, später Bankier in Essen (Direktor der Rheinisch-Westfälischen Bank für Grundbesitz; Inhaber des 1918 begründeten Bankgeschäfts Alexander Kann in Essen, Hagen 2/4 Bankplatz). Im Kriegsjahr 1917 schickte Alexander Kann nach Sandhausen 100 Kohlenwaggons als Brennmaterial. Alexander Kann war verheiratet mit Mirjam geb. Reis aus Eubigheim
(Informationen: Gemeinde Sandhausen)  
 Rechts: Abbildungen zum 
Ehrenbürger Alexander Kann 
(Quelle: Gemeinde Sandhausen)  
 Alexander Kann Photo 020.jpg (33996 Byte) Sandhausen Essen Kann.jpg (106081 Byte) Alexander Kann Ehrenbuergerukunde 01.jpg (93319 Byte)  Alexander Kann Ehrenbuergerukunde 02.jpg (80305 Byte)
Oben: Foto von Alexander Kann, eine Anzeige seines Bankgeschäftes in Essen sowie Abbildung der 1918 ausgestellten Ehrenbürgerurkunde mit dem Text: "Ihren unvergesslichen Wohltäter in schwerer Zeit, Herrn Alexander Kann aus Essen, ernennt zum Ehrenbürger aus Dankbarkeit die Gemeinde Sandhausen am 1. September 1918" (mit Unterschriften, u.a. von Bürgermeister Franz Hambrecht).  

 Weitere bekannte Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinde waren:    

bulletLudwig Marx (1891 in Sandhausen - 1964), Dichter und Lehrer; 1920 bis 1927 Vorsteher der Bürgerschule von St. Georgen im Schwarzwald; 1927 bis 1933 Gymnasial-Professor in Bruchsal.  
bulletEmil Mayer (1848-1910), Chef der Zigarrenfabriken der Gebrüder Mayer (/Wohnhaft in Mannheim); verhalf den Arbeitern seiner Zigarrenfabrik zu eigenen Wohnhäusern in der Gemarkung 'Großes Loch'. 1909 stiftete er einen ansehnlichen Betrag zur Errichtung der Gemeindebibliothek. Nach ihm beziehungsweise den genannten Ehrenbürgern Lehmann Mayer und Max Mayer ist die "Mayerstraße" genannt. 

       
       
       
 
Berichte aus der Geschichte der jüdischen Gemeinde 
       
Aus der Geschichte der jüdischen Lehrer     
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers und Vorbeters (1844 / 1846 / 1853)  
   
  
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 23. März 1844 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Heidelberg. [Dienstantrag.]. Bei der israelitischen Gemeinde zu Sandhausen ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 50 fl., nebst freier Kost und Wohnung, sowie der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter höherer Genehmigung zu besetzen.  
Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert, unter Vorlage ihrer Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen sechs Wochen sich anher zu melden.  
Auch wird bemerkt, dass im Falle sich weder Schul- noch Rabbinatskandidaten melden, andere inländische Subjekte, nach erstandener Prüfung bei dem Rabbiner, zur Bewerbung zugelassen werden. 
Heidelberg, den 14. März 1844. 
Die Großherzogliche Bezirkssynagoge."   
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 7. Januar 1846 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Vakante Schulstellen.
[Bekanntmachung.]. Bei der israelitischen Gemeinde zu Sandhausen ist die Lehrstelle für den Religionsunterricht der Jugend, mit welcher ein Gehalt von 50 fl., nebst freier Kost und Wohnung, sowie der Vorsängerdienst samt den davon abhängigen Gefällen verbunden ist, erledigt, und durch Übereinkunft mit der Gemeinde unter höherer Genehmigung zu besetzen.  
Die rezipierten israelitischen Schulkandidaten werden daher aufgefordert, unter Vorlage ihrer Rezeptionsurkunde und der Zeugnisse über ihren sittlichen und religiösen Lebenswandel, binnen 6 Wochen sich bei der Bezirkssynagoge Heidelberg zu melden.  
Auch wird bemerkt, dass im Falle sich weder Schul- noch Rabbinatskandidaten melden, andere inländische Subjekte, nach erstandener Prüfung bei dem Rabbiner, zur Bewerbung zugelassen werden."     
 
Anzeige im "Großherzoglich Badischen Anzeige-Blatt für den See-Kreis" vom 30. März 1853 (Quelle: Stadtarchiv Donaueschingen): "Bei der israelitischen Gemeinde Sandhausen ist die Stelle eines Religionslehrers und Vorbeters mit einem Gehalt von 50 fl., 48 kr. Schulgeld für jedes die Religionsschule besuchende Kind und den übrigen Akzidenzien erledigt. 
Die berechtigten Bewerber haben sich unter Vorlage ihrer Aufnahmeurkunden und der Zeugnisse übersittlichen und religiösen Lebenswandel mitteilst des betreffenden Bezirksrabbinats an die Bezirkssynagoge Heidelberg binnen sechs Wochen zu wenden. 
Wenn sich keine rezipierten Schulkandidaten melden, können auch andere befähigte Personen, nach erstandener Prüfung bei dem Bezirksrabbiner, zur Konkurrenz zugelassen werden."     

 
Ausschreibungen der Stelle des Religionslehrers / Vorbeters / Schochet 1884 / 1889 / 1890 / 1893  
   
Sandhausen Israelit 24071884.jpg (53648 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 24. Juli 1884: "Auskündigung einer Religionsschulstelle
(Nr. 463). Die israelitische Religionsschul- und Vorsängerstelle in Sandhausen bei Heidelberg, mit welcher ein fester Gehalt von 750 Mark, freie Wohnung und ansehnliche Gefälle verbunden sind, ist auf 1. September laufenden Jahres, womöglich mit einem Bewerber ledigen Standes, zu besetzen. Mit Zeugnissen belegte Meldungen sind binnen 14 Tagen einzureichen bei der 
Bezirks-Synagoge Heidelberg
."   
  
Sandhausen Israelit 29041889.jpg (54090 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 29. April 1889: "Auskündigung einer Religionsschulstelle. Die israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle in Sandhausen bei Heidelberg, mit welcher ein fester Gehalt von 650 Mark, freie Wohnung und ansehnliche Gefälle verbunden sind, ist alsbald neu zu besetzen. Berechtigte Bewerber - Schulkandidaten - wollen ihre mit Zeugnisabschriften belegten Meldungen baldigst gelangen lassen an die  
Bezirks-Synagoge Heidelberg. Heidelberg, 25. April 1889."  
  
Sandhausen Israelit 30101890.jpg (52675 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 30. Oktober 1890: "Alsbald zu besetzen ist die mit dem Vorsänger- und Schächterdienst verbundene israelitische Religionsschulstelle Sandhausen bei Heidelberg durch einen geprüften Schulkandidaten. Gehalt 6509 Mark bei freier Wohnung für einen ledigen, oder Beitrag zur Wohnungsmiete für einen verheirateten Bewerber; Gefälle etwa 300 Mark. Mit Zeugnisabschriften versehene Meldungen sind zu richtigen an den Synagogen-Rat in Sandhausen."   
 
Sandhausen Israelit 15061893.jpg (59136 Byte)Anzeige in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 15. Juni 1893: "Auskündigung einer Religionsschulstelle. Die israelitische Religionsschul-, Vorsänger- und Schächterstelle Sandhausen bei Heidelberg, mit welcher ein fester Gehalt von 650 Mark Schulgeld, freie Wohnung für einen ledigen Lehrer, und ansehnliche Gefälle verbunden sind, ist mit September laufenden Jahres neu zu besetzen.   
Schulkandidaten belieben ihre mit Zeugnisabschriften versehenen Meldungen baldigst an den Synagogenrat in Sandhausen zu richten.  

      
      
Berichte zu einzelnen Personen aus der Gemeinde  
Zum Tod von Heinrich Wahl von Sandhausen (1877)    

Sandhausen Israelit 03101877.jpg (174036 Byte)Artikel in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 3. Oktober 1877: "Wiesloch, 20. September (1877). Am Tag nach Jom Kippur ereignete sich in dem eine Stunde von hier entfernten Dorf Mühlhausen ein sehr bedauernswerter Fall. Der allgemein geachtete und beliebte Bürger Heinrich Wahl von Sandhausen, Amts Heidelberg, ging Morgens 6 Uhr wohl und munter von seiner Familie nach Mühlhausen, um Hopfen einzukaufen, kam auf einen Speicher, der in Verbindung mit der Scheune steht, um Muster zu sehen; kaum dort, tat er einen Fehltritt und stürzte 25 Fuß hoch so unglücklich herunter, dass er sofort bewusstlos weggetragen werden musste und trotz aller ärztlichen Hilfe, nachts 12 Uhr, seinen Leiden erlag. 
Heute nun bewegte sich ein unübersehbarer Leichenzug durch hiesige Stadt um die irdischen Überreste des Verewigten auf den hiesigen Friedhof (Wiesloch) zu verbringen. Von Nah und Fern kamen Leute herbei, besonders viele Christen, darunter der ganze Gemeinderat von Sandhausen, um dem Verblichenen die letzte Ehre zu erweisen. Eine große Beteiligung an der Beisetzung fand schon in Mühlhausen statt, und ist hier das Zeugnis für den Verstorbenen abgelegt worden, mit welcher Anhänglichkeit die Bauern an dem Verstorbenen hingen, wegen seines aufrichtigen Handelns. Herr Hauptlehrer Weil aus Michelfeld gedachte in schönen Worten des Unglücklichen.  
Der zur Beisetzung hierher berufene Bezirksrabbiner Dr. Sondheimer aus Heidelberg sprach am Grabe über die Worte Jeremia 14, Vers 17. Er war sichtlich gerührt und entwarf in sehr ergreifenden Worten ein kurzes Lebensbild des Verstorbenen und seines Wirkens, sodass kein Auge tränenleer blieb.   
Der Unglückliche erreichte ein Alter von 44 Jahren, war Synagogenratsvorstand, auch war er aushilfsweise an den ehrfurchtgebietenden Tagen schon seit mehreren Jahren ehrenamtlicher Vorbeter. Er hinterlässt eine tief trauernde Witwe mit 6 noch kleinen, unmündigen Kindern. 
Möge der Allgütige, der da ist der Vater der Waisen und der Witwen der schwer heimgesuchten Gattin und den lieben Kleinen seinen himmlischen Trost senden, damit sie den Willen Gottes hoch achten und das Andenken des Verblichenen ehren. Seine Seele sei eingebunden in den Bund des Lebens.  Ackermann, Lehrer."      

     

Kennkarten aus der NS-Zeit            
               
Am 23. Juli 1938 wurde durch den Reichsminister des Innern für bestimmte Gruppen von Staatsangehörigen des Deutschen Reiches die Kennkartenpflicht eingeführt. Die Kennkarten jüdischer Personen waren mit einem großen Buchstaben "J" gekennzeichnet. Wer als "jüdisch" galt, hatte das Reichsgesetzblatt vom 14. November 1935 ("Erste Verordnung zum Reichsbürgergesetz") bestimmt. 
Hinweis: für die nachfolgenden Kennkarten ist die Quelle: Zentralarchiv zur Erforschung der Geschichte der Juden in Deutschland: Bestände: Personenstandsregister: Archivaliensammlung Frankfurt: Abteilung IV: Kennkarten, Mainz 1939" http://www.uni-heidelberg.de/institute/sonst/aj/STANDREG/FFM1/117-152.htm. Anfragen bitte gegebenenfalls an zentralarchiv@uni-hd.de       
 
 Kennkarten für die in Sandhausen 
geborene Johanna Gutheim geb. Wahl sowie 
für die in Sandhausen wohnhafte 
Mina Wahl geb. Lorsch 
Sandhausen KK MZ Gutheim Johanna.jpg (94602 Byte)   Dieburg KK MZ Wahl Mina.jpg (95516 Byte)
   Kennkarte (Frankfurt am Main  1939) für 
Johanna Gutheim geb. Wahl 

(geb. 13. April 1914 in Sandhausen), Hausfrau  
    
 Kennkarte (Heidelberg) für Mina Wahl geb. Lorsch
 (geb. 14. Juni 1873 in Dieburg, später wohnhaft 
in Sandhausen, deportiert am 22. Oktober 1940 in 
das Internierungslager Gurs, umgekommen)  

   
   
   
Zur Geschichte des Betsaales / der Synagoge     
   
1823 besaßen die Sandhausener Juden noch keinen gemeinsamen Bet- oder Versammlungsraum. Damals hatten sie jedoch für die Erziehung ihrer Kinder bereits einen Religionslehrer angestellt. Die Synagoge besuchten sie in Leimen und Wiesloch.     
    
Eine erste Synagoge (Betsaal) in Sandhausen wurde in dem um 1845 erworbenen Gebäude Bahnhofstraße 2 eingerichtet. Hierin wurde auch die jüdische Schule untergebracht. Die finanziell schwach gestellte Gemeinde konnte die Einrichtung dieser ersten Synagoge nur über eine Spendensammlung verwirklichen. Doch noch 1850 klagte der Synagogenrat darüber, "dass ihre mit so großen Opfern erworbene Synagoge nicht vollständig bezahlt und auch aus eigenen Mitteln nicht so hergestellt werden könne, wie es dem Zwecke nach geschehen sollte". Man befürchtete, dass das Haus in der Bahnhofstraße der jüdischen Gemeinde wieder "entwunden werden wird". Einige Jahre später bestanden diese Probleme offensichtlich nicht mehr. Im Gegenteil genügte in den 1860er-Jahren der wachsenden Gemeinde das bisherige Bet- und Versammlungshaus nicht mehr. 
  
Eine neue Synagoge konnte in der 1867 von der jüdischen Gemeinde für 2.000 Gulden erworbenen, 1755 bis 1757 erbauten ehemaligen reformierten Kirche in der Hauptstraße 115 eingerichtet werden. Es handelte sich um ein in einem schlichten barocken Stil erbautes Gebäude. Der Grundbucheintrag vom 12. März 1867 lautet: Die evangelische Kirchengemeinde "überlässt an die israelitische Gemeinde Sandhausen die alte evangelische Kirche mit Turm und Kirchenumfassungsplatz zum Zweck des Umbaus für eine Synagoge". Bei der Einweihung der Synagoge hielt Bezirksrabbiner Salomon Fürst aus Heidelberg die Weiherede. Dabei führte er aus: "Wie alles auf Erden dem Wechsel unterworfen ist, so war es auch die Bestimmung dieses Hauses. Als evangelische Kirche wurde es erbaut, bestimmt und geweiht, als israelitische Synagoge wurde es erworben, eingerichtet und eingeweiht. Dieses Haus war nichts anderes als ein Gotteshaus und die Himmelspforte. Oder wie? Sollte der Israelit dieses Haus, als es noch Kirche war, nicht als Gotteshaus betrachtet haben, weil unser aller Vater auf eine andere Weise darin verehrt wurde, wie Israel ihn in der Synagoge verehrt? [...]".
    
Der Betsaal in der Bahnhofstraße wurde zum Wohnhaus des Lehrers/Vorsängers umgebaut (Gebäude nach 1945 abgebrochen; das Grundstück ist neu bebaut). Als 1891 eine gründliche Renovierung der evangelischen Kirche Sandhausens durchgeführt wurde, teilten sich die jüdische und die evangelische Gemeinde das Gebäude der Synagoge: die evangelischen Gottesdienste konnten einige Monate in der Synagoge abgehalten werden:          

Sandhausen AZJ 22111891.JPG (44273 Byte)Bericht in der "Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 22. November 1891: "Aus dem Großherzogtum Baden, im November (1891). In den Badischen Blättern lesen wir: In der Gemeinde Sandhausen bei Heidelberg wurde seinerzeit die alte Evangelische Kirche an die Israelitische Gemeinde verkauft, welche eine Synagoge daraus machte. Da nun gegenwärtige die neue Evangelische Kirche daselbst einer Reparatur bedarf, so hat die Israelitische Gemeinde ein Genehmigung des Rabbiners die Synagoge bereitwilligst den Evangelischen zur Abhaltung ihrer Gottesdienste überlassen."  

Bis 1938 diente die Synagoge in der Hauptstraße der jüdischen Gemeinde als gottesdienstliches Zentrum. Da die Zahl der Juden in Sandhausen nach 1933 so stark zurückgegangen war, dass die Zehnzahl der Männer kaum mehr erreicht wurde, bot der Weinhändler Kaufmann Freund der politischen Gemeinde 1938 den Kauf der Synagoge an. Während sich die Beigeordneten und die Gemeinderäte gegen einen Erwerb aussprachen, entschloss sich der Bürgermeister zum Ankauf durch die Gemeinde zum Preis von 3.000 Reichsmark. Der notarielle Kaufvertrag wurde am 25. Oktober 1938 im Rathaus abgeschlossen. Durch den Verkauf blieb die Synagoge in der Pogromnacht von einer Brandstiftung verschont. Dennoch kam es auch in Sandhausen zu gewalttätigen Ausschreitungen gegen Juden durch SA-Leute aus Heidelberg. 
Nach 1938 wurde die im Innern völlig demolierte Synagoge als Abstellraum verwendet. 
   
Nach 1945 wurde der Zustand des Gebäudes immer bedrohlicher, sodass das Landratsamt am 4. Mai 1951 den Abbruch genehmigte. Auch der Gemeinderat wollte die ruinöse Kirche abreißen lassen, um an dieser Stelle eine bessere Straßenführung der Hauptstraße zu erreichen. Engagierte Bürger wie der Arzt Dr. Haas sowie das Landesdenkmalamt und die jüdische Gemeinde in Heidelberg lehnten dieses Vorhaben ab. Zu einer gründlichen Renovierung war die politische Gemeinde damals jedoch aus finanziellen Gründen nicht in der Lage. 1955 setzte sich auch die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit für eine Wiederherstellung der Synagoge ein. Nach langem Tauziehen war der Oberrat der Israeliten Badens damit einverstanden, an Stelle einer reinen Gedenkstätte im ehemaligen Betsaal eine öffentliche Bibliothek unterzubringen und dabei auch auf die Geschichte des Kirchenbaus und das Schicksal der Synagoge hinzuweisen. Die Renovierung wurde 1960 bis 1962 durchgeführt. Am 10. Mai 1962 wurde das Gebäude als Ort der Besinnung und Begegnung der Gemeinde Sandhausen übergeben. Seitdem werden im Haus (zunächst unter der Bezeichnung "Alte Kirche/Synagoge", dann "Ehemalige Synagoge") regelmäßig kulturelle Veranstaltungen abgehalten. Unmittelbar neben dem Gebäude erinnert seit 1961 ein Gedenkstein an die jüdische Gemeinde. Die Inschrift lautet: "Denn Tag und Nacht beweine ich die Toten, Jer. 8,23. Den Juden Sandhausens und ihrer Synagoge zum Gedenken. Verfolgt durch die Nationalsozialisten kamen sie in den Jahren 1933-45 ums Leben oder wurden ihrer Heimat beraubt".
      
      
      
Fotos 
Historische Abbildungen / Foto: 

Historische Ansichtskarte mit 
Darstellung der Synagoge
 
(Quelle: Sammlung Hahn)  
Sandhausen Karte 045.jpg (856673 Byte) Sandhausen Karte 045a.jpg (77956 Byte)
   Die Karte ist 1902 verschickt worden 
(die Synagoge auf der Ausschnittvergrößerung rechts) 
     
Aus der NS-Zeit  Sandhausen Synagoge 190.jpg (47492 Byte)  
   Vorbeimarsch der SA am 
Gebäude der Synagoge (rechts)   
 

        
Fotos nach 1945/Gegenwart:

Fotos um 1985
(Fotos: Hahn) 

Sandhausen Synagoge 004.jpg (42091 Byte) Sandhausen Synagoge 001.jpg (73661 Byte)
  Die ehemalige "Alte Kirche / Synagoge" 
in Sandhausen 
Seitenansicht 
des Gebäudes 
     
  Sandhausen Synagoge 003.jpg (88112 Byte) Sandhausen Synagoge 002.jpg (132034 Byte)
  Auf dem Vorplatz befindet sich 
ein Gedenkstein für die ehemalige
 jüdische Gemeinde 
Der Gedenkstein Sandhausen (1961) 
war einer der ersten für eine jüdische
 Gemeinde in Baden-Württemberg 
      

Fotos Frühjahr 2004
(Fotos: Hahn, 
Aufnahmedatum 25.6.2004)

Sandhausen Synagoge 100.jpg (81630 Byte)
    Der - inzwischen kaum mehr lesbare - Gedenkstein 
für die ehemalige jüdische Gemeinde
   
Sandhausen Synagoge 101.jpg (43232 Byte) Sandhausen Synagoge 103.jpg (48943 Byte) Sandhausen Synagoge 102.jpg (62522 Byte)
Unterschiedliche Ansichten der ehemaligen Kirche / Synagoge
     
     

Fotos Sommer 2010
(Fotos von Michael Ohmsen; auch in hoch aufgelöster Form über die 
Fotoseite von Michael Ohmsen zu Sandhausen)   

  
Sandhausen Synagoge 192.jpg (79085 Byte) Sandhausen Synagoge 191.jpg (100231 Byte) Sandhausen Synagoge 190.jpg (98337 Byte)
Seitenansicht der ehemaligen 
Kirche / Synagoge 
Rückansicht der ehemaligen 
Kirche / Synagoge 
Der Gedenkstein 
 
     

        
   
Erinnerungsarbeit vor Ort - einzelne Berichte  

April 2015: Das Gebäude der ehemaligen Synagoge wird erneuert    
Artikel von Roland Fink in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom April 2015: "Sandhausen: Gemeinderat bewilligt 600.000 Euro für 'Wahrzeichen'
Die Gelder sollen in den Erhalt des alten Rathauses und der ehemaligen Synagoge gesteckt werden.
Sandhausen.
Die Dorfschänke, das alte Feuerwehrhaus, das alte Rathaus oder die ehemalige Synagoge - der Erhalt verschiedener wichtiger kommunaler Liegenschaften steht auf dem Aufgabenzettel der Sandhäuser Lokalpolitik. Einen ersten Schritt haben die Gemeinderäte nun getan. Einstimmig genehmigten sie für dieses und das nächste Jahr rund 600 000 Euro, die in die Synagoge und das Rathaus gesteckt werden sollen. Letzteres beherbergt heute das Heimatmuseum..."   
Link zum Artikel     
 
Juni 2015: Auch in Sandhausen sollen "Stolpersteine" verlegt werden  
Artikel von Sabine Hebbelmann in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 11. Juni 2015: "Stolperstein-Initiative soll auch in Sandhausen an Nazi-Opfer erinnern
Die Sänger Rainer Kraft und Sascha Krebs präsentierten das Projekt in der früheren Synagoge
Sandhausen
. 'Wir haben Vieles erfahren, das wir nicht wussten über unser Heimatdorf.' Das sagen Rainer Kraft und Sascha Krebs, für die die Vorstellung der Stolperstein-Initiative in der früheren Synagoge in Sandhausen eine ganz neue Erfahrung war. Denn die beiden 'Sandhäuser Jungs' sind eher bekannt für ihre grandiosen Stimmen und mitreißenden Live-Shows. 'Wie kommen denn ausgerechnet die darauf?', soll denn auch jemand gefragt haben. Rainer Kraft gab die Antwort: 'Wir sind nicht nur Künstler, sondern ein Team, eine riesengroße Familie, die sich in Projekten auch für Benachteiligte einsetzt.' Vor sieben Jahren habe ihm eine gute Freundin von dem Projekt erzählt, berichtete Kraft. Die Vorstellung, dass es Hakenkreuze, Naziaufmärsche und Deportationen auch in seinem Heimatdorf gegeben haben dürfte, ließ ihn daraufhin nicht mehr los. Kraft suchte Kontakt zu den Stolperstein-Initiativen in Heidelberg und Wiesloch, er recherchierte selbst. Und er kam zu dem Ergebnis: Ja, das alles gab es auch hier. Eine Anfrage beim Internationalen Suchdienst ergab 13 Namen und sieben Adressen von Juden, die in Sandhausen geboren und von den Nazis ermordet wurden. 'Bis wir den ersten Stolperstein setzen, wird es noch ein Jahr dauern', macht der Sänger gleichwohl deutlich. Nicht nur, weil der Künstler Gunter Demnig, Initiator des Stolpersteinprojekts, den Stein persönlich verlegen will und viel beschäftigt ist. Immerhin gibt es schon 50 000 Stolpersteine in 18 europäischen Ländern. Zeit brauchen er und seine Mitstreiter auch, um etwas über das Schicksal der Menschen zu erfahren, an die mit den Stolpersteinen erinnert werden soll. Der Geschichtslehrer Dietmar Müller-Praefcke griff die Initiative der Sänger bereits auf und nahm sie zum Anlass, mit seinem Kollegen Jochen Benkö am Friedrich-Ebert-Gymnasiums Sandhausen einen Seminarkurs zum Thema Nationalsozialismus anzubieten. Kursteilnehmer stellten denn auch ihr Thema vor (vgl. nebenstehender Artikel): Tim Sautter beschäftigte sich beispielsweise mit der Rolle des Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch während der Nazi-Herrschaft und Carina Bosert nahm sich der Geschichte der jüdischen Familie Mayer in Leimen an. 'Wir dürfen nicht nur nicht vergessen, wir müssen auch sagen, es tut uns leid', betont Patricia Hillier vom Wieslocher Stolpersteinprojekt. Das sei für die Opfer und ihre Nachkommen ganz wichtig. Sie berichtet, dass in Wiesloch noch zwei Zeitzeugen leben. Eine Passage aus der Autobiographie des Sandhäuser Juden Hugo Marx liest Jonas Scheid vom Verkehrs- und Heimatverein vor, bevor er sich im Namen des Vereins klar zu der Stolperstein-Initiative bekennt. 'Viele haben mit angepackt, den großen Stein ins Rollen zu bringen', sagt Rainer Kraft, der mit Sascha Krebs selbst schon viel Zeit in das Projekt investiert hat und als Ansprechpartner auch weiterhin zur Verfügung steht. Jetzt sucht er Unterstützung in Form von Informationen und Berichten von Zeitzeugen oder deren Angehörigen und Bekannten, Hilfe bei der Öffentlichkeitsarbeit und auch Spender. Selbstlose Unterstützung kommt auch von nahe stehenden Sängern, die den Abend mit sehr persönlichen und emotionalen musikalischen Beiträgen gestalten: Sascha Kleinophorst etwa war eigens aus Landau angereist und er - wie auch die Heidelbergerin Janette Friedrich und die hochschwangere Vanessa Kraft - sorgten in der Alten Synagoge stimmlich und atmosphärisch für Gänsehautmomente." 
Link zum Artikel   
 
April 2017: Verlegung von "Stolpersteinen" in Sandhausen 
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nmerkung: es wurden am 26. April 2017 acht "Stolpersteine" verlegt: in der Waldstraße 1 für Herta Wahl geb. Gümbel (1902), Julius Wahl (1880), Ludwig Wahl (1907), Mina Wahl geb. Lorsch (1873), Johanna Wahl verheiratete Gutheim (1914), Berta Wahl geb. Heumann (1869) sowie in der Hauptstraße 141 für Emma Freund geb. Geismar (1868) und Kaufmann Freund (1865).   
Artikel von Sabine Hebbelmann in der "Rhein-Neckar-Zeitung" vom 3. Mai 2017: "Stolpersteine in Sandhausen. Bei der Verlegung läutete die Friedensglocke
Stolpersteine vor den Häusern jüdischer Holocaust-Opfer verlegt - Aktion wurde drei Jahre lang vorbereitet
Sandhausen.
Als Gunter Demnig die sechs Gedenksteine für die verfolgten und ermordeten Mitglieder der jüdischen Familie Wahl in die vorbereitete Öffnung im Bodenbelag vor deren einstigem Haus in der Waldstraße 1 setzt, läuten die Glocken der nahen Kirche. 'Das ist kein Zufall, wir haben die Sondergenehmigung bekommen, die Friedensglocke zu läuten', bemerkt Rainer Kraft, Initiator der Sandhäuser Stolpersteininitiative. Kurzzeitig ist sogar die Kreuzung gesperrt worden, so viele Menschen scharen sich um den Künstler, der auf dem Bürgersteig kniet und mit Schaufel, Kelle, Gummihammer und Eimern hantiert. Bei der Begrüßung spricht der Initiator für alle Beteiligten der Sandhäuser Stolpersteininitiative: 'Wir haben drei Jahre auf diesen Tag hingearbeitet und sind froh, dass wir dieses Ereignis heute feiern dürfen', so Kraft. Über das Projekt habe die Initiative eine eigene Broschüre veröffentlicht. Darin sind auch die Namen der Paten verzeichnet. Denn für jeden Stein wurde eine Patenschaft an eine verdiente Person oder Institution verliehen. Sascha Krebs spricht von einem historischen Tag und entdeckt etliche ehemalige Lehrer im Publikum. Ehrensache, dass die 'Sandhäuser Jungs' mit Krafts Frau Vanessa einen musikalischen Beitrag beisteuern. 'Es ist nicht mehr rückgängig zu machen, auch in unserem Ort fielen Menschen dem nationalsozialistischen Wahn zum Opfer', sagt Bürgermeister Georg Kletti, der die Schirmherrschaft übernommen hat. Daran erinnere das Projekt, es wende sich gegen das Verdrängen und Vergessen, zolle den Opfern Respekt und bringe die Familien wieder zusammen. Er mahnt, Antisemitismus sei auch heute verbreitet und müsse bekämpft werden. Aus Los Angeles ist eigens zu diesem Termin Jim Gutheim mit seiner Frau Lynne angereist. Er war noch ein Baby als die junge Familie - seine Mutter ist die einzige Überlebende der Familie Wahl - fliehen musste. Am Vormittag hatte er an einer englischsprachigen Informationsveranstaltung mit rund 200 Schülern des Gymnasiums und am Vorabend an einer Gedenkveranstaltung in der Alten Synagoge teilgenommen. 'Ich bin überwältigt von der Großzügigkeit, mit der ich aufgenommen wurde', sagt Gutheim auf Englisch. Er habe sich nicht vorstellen können, dass ein Ereignis, das mehr als siebzig Jahre zurückliegt, noch jemanden interessiere. 'Ich habe nicht mehr so viel geweint, seit ich drei Jahre alt war', sagt er sichtlich gerührt und ergänzt, er sei 'sehr sehr dankbar'. Gemeinsam mit seiner Frau und Kraft und Krebs legt er Rosen vor den frisch verlegten Gedenksteinen. Dietmar Müller-Praefcke, Lehrer für Englisch und Geschichte am örtlichen Gymnasium, betätigt sich als Dolmetscher. Er hatte mit Blick auf das Stolpersteinprojekt Seminarkurse zum Thema Nationalsozialismus mit örtlichem Bezug gegeben. Seine ehemalige Schülerin Hannah Weiser hatte in den Quellen geforscht und berichtet über das Schicksal von Julius, Mina, Berta, Herta, Ludwig und Johanna Wahl. Anschließend geht es zur zweiten Adresse des Tages, der Hauptstraße 146 beim ehemaligen Feuerwehrgerätehaus. Hier berichtet Julia Gierlach, ebenfalls eine Seminarteilnehmerin von Lehrer Müller-Praefcke, über das Schicksal des Ehepaars Kaufmann und Emma Freund und über die besondere Rolle, die Kaufmann Freund als Gemeindeverordneter in Sandhausen und als Vorstand der israelitischen Gemeinde Heidelberg gespielt hatte. Müller-Praefcke dankt den Initiatoren Kraft und Krebs, denen es als 'echte Sandhäuser' ein Bedürfnis und eine Herzenssache gewesen sei, sich mit dem Schicksal der jüdischen Mitbürger während der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus zu befassen. 'Das Projekt funktioniert nur, wenn alle mitmachen und jeder beiträgt, was er kann', betont Kraft. Ohne die Vorbereitung wäre es nichts, sagt auch der Künstler Gunter Demnig. Das Projekt sei zunächst nur als theoretisches Konzept gedacht gewesen, da er für ganz Europa von sechs Millionen notwendigen Stolpersteinen ausging. Der Pfarrer der Antonitergemeinde in Köln habe ihn jedoch animiert, wenigstens einige ausgewählte Steine zu verlegen, um ein Zeichen zu setzen. Nach dem Motto: Man kann ja klein anfangen. Vergangenes Jahr war er 270 Tage unterwegs gewesen und auch dieses Jahr ist er wieder ausgebucht. Besonders freut sich der Künstler über das Interesse der Jugendlichen. 'Plötzlich sind es nicht mehr nur abstrakte Zahlen im Geschichtsunterricht und sie bekommen mit, was da passiert ist.' Der zuweilen geäußerten Kritik, man trample auf den Opfern herum, hält er entgegen: 'Das Material ist Messing - wenn man darüber läuft, wird die Erinnerung blank geputzt.' Und er zitiert einen Hauptschüler, der gesagt habe: 'Man stolpert mit dem Kopf und dem Herzen.'"   
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Links und Literatur 

Links: 

bulletWebsite der Stadt Sandhausen 
bulletWikipedia-Artikel "Synagoge Sandhausen"   

Literatur: 

bulletFranz Hundsnurscher/Gerhard Taddey: Die jüdischen Gemeinden in Baden. 1968. S. 251-252. 
bulletEmil Lacroix: Die ehemalige reformierte Kirche, spätere Synagoge zu Sandhausen (Kreis Heidelberg), Instandsetzung und Umbau, in: Nachrichtenblatt der Denkmalpflege in Baden-Württemberg 6 (1963) Heft 1. S. 20-24. 
bulletRudi Dorsch: Die israelitische Gemeinde, in: Heimatbuch Sandhausen. 1985. 
bulletHeidrun Dorsch: Alltag im Nationalsozialismus – Unterdrückung und Verfolgung der Juden in Sandhausen. Preisausschreiben des Bundespräsidenten 1981 (maschinenschriftlich).
bulletJoseph Walk (Hrsg.): Württemberg - Hohenzollern - Baden. Reihe: Pinkas Hakehillot. Encyclopedia of Jewish Communities from their foundation till after the Holocaust (hebräisch). Yad Vashem Jerusalem 1986. S. 342-343.  
bulletsynagogenbuch-1.jpg (32869 Byte)Joachim Hahn / Jürgen Krüger: "Hier ist nichts anderes als Gottes Haus...". Synagogen in Baden-Württemberg. Band 1: Geschichte und Architektur. Band 2: Orte und Einrichtungen. Hg. von Rüdiger Schmidt, Badische Landesbibliothek, Karlsruhe und Meier Schwarz, Synagogue Memorial, Jerusalem. Stuttgart 2007.
bulletSynagogen Lit 201305.jpg (108213 Byte)Christiane Twiehaus: Synagogen im Großherzogtum Baden (1806-1918). Eine Untersuchung zu ihrer Rezeption in den öffentlichen Medien. Rehe: Schriften der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg. Universitätsverlag Winter Heidelberg 2012. 
Zur Synagoge in Sandhausen: S. 72-75.    

   
   


 

Article from "The Encyclopedia of Jewish life Before and During the Holocaust". 
First published in 2001 by NEW YORK UNIVERSITY PRESS; Copyright © 2001 by Yad Vashem Jerusalem, Israel.

Sandhausen  Baden. The first Jewish family settled in 1743 but a community was only formed in the 19th century, reaching a population of 100 in 1875 (total 2,583). In 1933, 17 Jews remained. By fall 1938, four had emigrated to the United States and five to other German cities. On Kristallnacht (9-10 November 1938), Jewish homes were destroyed and the men sent to the Dachau concentration camp. The last seven Jews were deported to the Gurs concentration camp on 22 October 1940; all perished.  
  
          

                   
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Stand: 15. Oktober 2013